Sollbruchstellen
by meierrr
In manchen Momenten denke ich zurück an die Zeiten bevor es überhaupt Gefahr lief auseinanderzubrechen. Da waren noch keine Risse vorhanden und alles hielt. Wir packten es sorgsam ein, wie man bei Umzügen das Geschirr in Zeitungspapier einwickelt, damit es nicht bei dem Transport über weite Strecken zu Bruch geht. An diesem Punkt war uns noch nicht klar, wo sich die Ecken und Kanten befinden und wie groß die Reibungsfläche wirklich sein kann, wenn man sich selbst keinen Platz zur Bewegung lässt.
Später dann war es eine vereinzelte Linie, die sich auf dem weißen Untergrund absetzte. Kaum wahrnehmbar wenn man nicht genau hinschaute, denn um wirklich zu merken, dass etwas nicht in Ordnung war, musste man schon mit dem Finger drüberfahren. Drückte man dabei zu sehr auf, fand man spiegelgleiche Schnitte in der eigenen Haut wieder.
Das erste Mal dann war es nur ein Splitter, dessen Geräusch beim Abplatzen kurze Zeit später zur ständigen Alarmglocke werden sollte, denn langsam häuften sich die Kerben, geprägt von scharfen Kanten. Man musste vorsichtig sein, um sich beim Tragen keinen von diesen fiesen Kratzern zu holen, die so schwer wieder verheilen.
Wann wir letztendlich fielen, weiß keiner mehr so richtig. Aber in den Momenten in denen wir uns treffen, sei es in irgendeinem Club oder sonst wo, da fangen die Narben dann an zu jucken. Obwohl wir schon fast wieder ordentlich Hallo und Tschüss sagen können. Ist das Jucken dann zu stark muss ich ganz schnell meine Sachen packen und in die kalte Nachluft hinaus, sonst ist es kaum zu ertragen. Zwischen all den Menschen. Und dir.
Comments
da verliert man die das was selbstverständlich war, das was keine worte benötigte, aber vielleicht brauchte.
der text berührt.
du schreibst ‘wann wir letztendlich fielen’, da das aufgebaute bild des porzellans als beziehung so wunderbar herhält, würde ich eventuell brechen verwenden; man sagt ja auch, man bricht mit jemanden. obwohl, das das porzellan fällt, vielleicht zerdeppert wird, ja. vielleicht diesen aspekt herausarbeiten.
ohje, in kritik üben muss ich mich auch üben.
Das Bild, eine Beziehung hätte eine Sollbruchstelle, an welcher die Liebe schließlich zerbrechen könnte, ist wirklich bemerkenswert. Und der erste Absatz hat schon einen literarischen Aha-Effekt.
Das Bild der Überschrift passt aber nicht zu dem Bild im Text. Im Text wird eher ein Haarriss beschrieben. Der Erzähler spricht nämlich von einer Zeit, da alles stimmig war, als es keine “Gefahr” gab, dass es auseinanderbrechen könnte. Die Unstimmigkeiten treten dann durch “Reibung” in Erscheinung, ist “kaum wahrnehmbar”, verletzt aber, wenn der Riss mit dem Finger abgetastet wird. Eine Sollbruchstelle ist aber keine Materialermüdung, die durch “Reibung” entsteht, sondern eine in das Material bewusst eingearbeitete Stelle, meist ein kleiner Punkt (deswegen auch Sollbruchstelle und nicht Sollbruchlinie), wo man das stabile Material ohne viel Kraftaufwand zerstören kann (z.B. der Notausstieg in Busen). Eine Sollbruchstelle bietet also immer die Gefahr, dass das Material auseinanderbricht, während ein Haariss eine plötzlich auftretende, sich verschlimmernde Gefahr bedeuted.
Beide Bilder, ein Haarriss und eine Sollbruchstelle, haben ihren Reiz. Für diesen Text hat aber nur ein Bild eine Berechtigung.
Auf Textebene habe ich auch Probleme mit gewissen Bildern. Nur ein Beispiel: “spiegelgleiche Schnitte in der eigenen Haut [wiederfinden]” – Sind es zwei Schnitte, die sich ähneln? Oder ist der Schnitt in der Haut gleich der Linie auf dem weißen Untergrund? Was spiegelt sich denn? Und warum findet man sie wieder und entdeckt sie nicht, waren der Schnitt etwa vorher schon mal vorhanden?
Nun noch ein paar Anmerkungen, die man aber durchaus als Geschmackssache abtun kann.
“Später dann” finde ich komisch. Diese Doppelung wird glaube nur in der Umgangssprache bei Verabschiedungen gebraucht. Die beiden Wörter nebeneinander machen keinen Sinn und sind, wenn ich mich nicht täusche, sogar tautologisch. In einem literarischen Text sollte aber niemals ein Wort zu viel stehen. Auch die häufig gebrauchte kausale Konjunktion “denn” finde ich in dem Text problematisch. Sie taucht immer dann auf, wenn der Gedanke eigentlich schon zu Ende gebracht ist und es gar keine kausale Erklärung braucht:
“Kaum wahrnehmbar wenn man nicht genau hinschaute, denn um wirklich zu merken, dass etwas nicht in Ordnung war, musste man schon mit dem Finger drüberfahren.”
“Das erste Mal dann war es nur ein Splitter, dessen Geräusch beim Abplatzen kurze Zeit später zur ständigen Alarmglocke werden sollte, denn langsam häuften sich die Kerben, geprägt von scharfen Kanten”
Der Text würde sich wirklich geschmeidiger lesen, wenn man die Konjunktion weglässt und zwei Sätze/Gedanken daraus macht. Das die Gedanken kausal zusammen gehören, wird der Leser auch so verstehen, auch ohne “denn”:
1)”Kaum wahrnehmbar wenn man nicht genau hinschaute. Um wirklich zu merken, dass etwas nicht in Ordnung war, musste man schon mit dem Finger drüberfahren.”
2)Das erste Mal war es nur ein Splitter, dessen Geräusch beim Abplatzen kurze Zeit später zur ständigen Alarmglocke wurde. Langsam häuften sich die Kerben, geprägt von immer schärferen Kanten.
Erm…, Zeichensetzung wäre auch ratsam…
(bezogen auf den Kommentar von 01)
der tag war lang und die finger fast taub.
Puh, Viel.
Sollbruchstellen können ja (wirtschaftlich gesehen) auch Materialermüdungen sein, die darauf ausgelegt sind das Gebilde nach einem gewissen Zeitraum kaputtgehen zu lassen, so dass man gezwungen ist, sich etwas Neues anzuschaffen.
Bezüglich des Beziehungsbildes eine Selbsterfüllende Prophezeihung der Umstände, an der ja (gerade in dem Falle) mehrere Leute beteiligt sind. Das was man zusammen geschaffen hat, muss ja auch immer dem eigenen Erwartungsdruck standhalten, der gerade dabei ziemlich hoch sein kann.
Da bedingt die Belastung dann zuerst einmal gar keinen kompletten Bruch, sondern zeigt sich eben eher durch leichtere Makel.
Gerade bezüglich “Druck” könnte man das Gedankenexperiment noch schön weiterführen. Man versucht ja etwas zu schaffen und letztendlich gibt es für das Ende genau zwei Möglichkeiten. Entweder das zu schaffende hält geht kaputt, oder es wird zum Diamanten.
Vielleicht die Tage mehr. Über die Schlangensätze brauchen wir gar nicht reden. Das alte leidige Thema.